Leben können

 1. Ein Leben führen

 

Das eigene Leben kann treiben, im Strom der Instinkte und Gewohnheiten, der Fremdbestimmung und Zufälle. Wir können aber auch lernen, Fragen zu stellen, Antworten zu suchen, unser Leben zu führen. Am Anfang des Fragens steht oft die Erkenntnis, dass wir eine einmalige, begrenzte Ressource in Händen halten. Mit der Reflexion grundlegender Ziele und Wege entwerfen wir eine Lebenskunst. Leiten wir daraus Impulse für das eigene Leben ab, dann praktizieren wir diese Kunst. Es geht um eine Kunst in der ursprünglichen Wortbedeutung, um eine nützliche Fertigkeit, ohne jeden elitären Beigeschmack. Lebenskunst gleicht einer fortdauernden Suche: weder die Reflexion von Leitbildern, noch die Entfaltung des Selbst erreichen ein Ende. Im Gegensatz zu Sisyphos können wir Ziele erreichen und gewinnen an Freiheit, Klarheit und Leichtigkeit.

Für die Entwicklung von Lebenskunst stehen verschiedene Ansätze zur Wahl. Wir bedienen uns in der Anthropologie, nutzen Wissen (logos) über den Menschen (anthropos). Erkenntnisse werden uns leiten, keine Glaubenslehren. Der anthropologische Ansatz ist nicht neu. Jahrhunderte vor Beginn unserer Zeitrechnung beschäftigten sich Philosophen der griechischen Antike mit dem Imperativ „Erkenne dich selbst“. Neu ist der sprunghaft gestiegene Umfang an Wissen, der uns heute für die Selbsterkenntnis zur Verfügung steht. Auch der Zielraum von Lebenskunst ist ein weites Feld. Wir stellen ein gelingendes Leben in den Mittelpunkt. Vorläufig noch eine Worthülse, wird diese Formel nach und nach an Inhalt gewinnen und ihre Beziehung zu einem „glücklichen“ Leben offenbaren.

Die Beschäftigung mit Lebenskunst knüpft an mehrere Voraussetzungen. Sie verlangt einen gewissen Grad der Existenzsicherung. Menschen, deren Existenz bedroht ist, fehlen die Ressourcen für Reflexion. Ihr Handeln wird von instinktiver Selbsterhaltung beherrscht, ihr Leben reduziert sich auf Überleben. Die zweite Voraussetzung betrifft den Selbstwert. Ein Mindestmaß an Selbstliebe ist notwendig, um das eigene Leben als gestaltenswert zu betrachten.  Drittens muss die Bewusstseinsentwicklung, mit Unterstützung von außen, eine bestimmte Schwelle erreicht haben. Wenn familiäre und gesellschaftliche Zuwendung nicht über eine existenzielle Grundversorgung hinausgeht, dann verkümmern Bewusstseinspotentiale. Die Betroffenen leben, ohne ein Leben zu führen, und ohne ihr Defizit überhaupt zu bemerken. Instinkte und implizite Erfahrungen bestimmen ihr Handeln. Langfristige oder komplexe Entwicklungen erfahren sie als schicksalhaft.

 

1.1.    Was uns bewegt

 

Lebenskunst bauen wir auf Selbst-Verständnis. Die ersten Kapitel widmen sich der Psyche mit ihren Verbindungen nach außen. Wer ist dieses vertraute und doch geheimnisvolle „Ich“? Wie kommt das Wollen zustande? Wann bestimmen wir über uns selbst?

Das Selbst geht aus einer dynamischen Vernetzung sehr verschiedenartiger psychischer Prozesse hervor. Besonders deutlich machen sich emotionale und rationale Elemente bemerkbar. In dem Wort „Emotion“ steckt der lateinische Ursprung „movere“, bewegen. Wir werden aktiv, wenn Emotionen den Anstoß geben, nach besseren Emotionen zu suchen. Furcht, Wut oder Trauer lassen uns nach Erleichterung streben, Lust nach Erfüllung. Mit unserem Denken – hier kommen die rationalen Elemente ins Spiel - können wir Emotionen erkennen, Antriebe und Ziele gedanklich abbilden, Zusammenhänge analysieren und differenzieren, Handlungsoptionen konstruieren. Diese Leistung erbringt unser Denken in dem Maße, wie wir gelernt haben, es zu benutzen. Außerdem müssen wir aktuell fähig und willens sein, es zu gebrauchen.

Jüngste Erkenntnisse der Gehirnforschung deuten zurück auf eine These Epikurs. Drei Jh. v. Chr. hatte der griechische Philosoph festgestellt, dass alle Lebewesen Schmerz und Unruhe meiden und „hedoné“ erstreben. Unter hedoné verstand man zu seiner Zeit angenehme, erfreuliche Gefühle, darunter auch Lust. Obwohl Epikur seine Beobachtung nie in einen Imperativ der Lustmaximierung übersetzt, geschweige denn eine oberflächliche Befriedigung empfohlen hatte, erntete er viel Hohn. Die folgenden zwei Jahrtausende Philosophie hatten nicht viel übrig für Emotionen. Wer dem Descartes’schen Schluss „Ich denke, also bin ich“ zustimmt, wird Emotionen nicht als Antrieb seiner Existenz gelten lassen. Aus einer rationalistischen Perspektive mögen sie als lästiger Atavismus, als Bedrohung des durchdachten Lebenswandels erscheinen. Im 18. Jh. trat dann ein schottischer Philosoph mit provokanten Thesen auf den Plan: David Hume beschrieb das Denken als rein passives Prinzip, das zur Analyse, nicht aber zur Motivation tauge. Auch moralische Vorschriften ließen sich nicht von Vernunftprinzipien allein herleiten, ebenso wenig folgten Werturteile aus Tatsachenaussagen. Er bemerkte, dass wir moralisch Gutes und Schlechtes durch spezifische Lust- und Unlustgefühle erkennen. George Edward Moore stellte mit Bezug auf Hume fest, dass wir das Gute aufgrund eigener Bewusstseinsprozesse intuitiv erfassen und nicht weiter definieren können. Diese Prozesse sind unsere bewussten Gefühle. Auch der Philosoph Max Scheler legt in seiner Wertethik Anfang des 20. Jh. dar, dass alle Werte an Akte des Fühlens gebunden sind. Im Gegensatz zur beherrschenden philosophischen Tradition sieht er den Menschen nicht mehr als animal rationale, sondern als ens amans, als zur Liebe fähiges Wesen. Nach Scheler ist Liebe der ethische Kern des Denkens, liefert sie den letzten Bezugspunkt des „Guten“. Neben der Ratio spricht er Gefühlen kognitive Fähigkeit zu – kaum ein Psychologe oder Gehirnforscher würde dem heute widersprechen. Wenig später begründete Moritz Schlick eine psychologische Ethik. Sie beruht auf der Feststellung, dass Handeln und Entscheiden von Lust und Unlust bestimmt werden.

Ohne Lust oder Unlust gäbe es überhaupt keine Werte, die Menschen wären völlig gleichgültig – und längst ausgestorben. Es sind Emotionen, die uns innerlich und äußerlich bewegen, ob wir ein Kunstwerk genießen, den Kühlschrank nach Essbarem durchstöbern oder eine Versicherung abschließen. Emotionen markieren Priorität (was ist wichtig?) und Qualität (ist es positiv oder negativ?). Befunde an Patienten mit emotionalen Defiziten zeigen, dass bei ihnen Wertungen, Entscheidungen und damit ein vernünftiges Handeln beeinträchtigt sind. Nicht jeder einzelne Aktivitätsschritt ist auf Lust oder Unlust zurückzuführen. Verhaltensprogramme, die einen hohen Grad an Automatisierung erreicht haben, benötigen für ihre Einzelschritte keinen emotionalen Antrieb. Wird jemand morgens regelmäßig von seinem Wecker wachgeklingelt, dann treibt ihn eine positive - vielleicht auch negative - Motivation aus dem Bett. Die nachfolgende Morgenroutine kann auch über „Autopilot“ laufen.

Der Mensch lebt geradezu für eine Qualität von Emotionen, die wir „positiv“ nennen. Ihre Stärkung und Bewahrung, im Gegenzug die Schwächung und Überwindung negativer Emotionen sind die Triebfedern menschlicher Aktivität. Andere Ziele, die wir unserem Leben zuschreiben, verweisen letztlich auf diese Lebenssehnsucht. Sie kommen genau dann zum Tragen, wenn sie uns „am Herzen liegen“, uns emotional berühren. Auch die Erfüllung einer Pflicht, die wir anerkennen, oder das Befolgen einer Routine, die uns Sicherheit vermittelt, wirkt als Quelle positiver Emotionen. Wir handeln dann nach Prinzipien, wenn es sich besser anfühlt – sonst ignorieren wir sie. Wir geben einem Zwang nach, wenn sämtliche erinnerten oder vorgestellten Alternativen schmerzlicher erscheinen. Wenn wir vernünftig handeln, folgen wir einem Weg und erstreben ein Ziel, an deren Bestimmung sich das Denken beteiligt. Die Umsetzung von Gedanken in Aktivität setzt aber voraus, dass wir wollen.

Die Intensität positiver Emotionen reicht von affirmativen Regungen über Stufen des Angenehmen bis hin zu Euphorie und Freudenrausch, ihre Qualität kennt lustvolle und genussvolle Varianten. Die Verkündung von „hitzefrei“ entfacht in einer Schulklasse lustvolle Freude, während die anschließende Erfrischung am Eisstand Genuss bereitet. Auslösern von negativen Emotionen versuchen wir meist aus dem Weg zu gehen, oder wir bemühen uns, die Emotionen loszuwerden. In diese Gruppe gehören Traurigkeit, Wut, Ekel und vor allem Angst mit ihren vielen Gesichtern. Dazu zählt beispielsweise Neid, als eine Angst, zu wenig zu bekommen, oder Scham, als Angst vor Ausgrenzung. Nur in Ausnahmefällen suchen Menschen negative Emotionen um ihrer selbst Willen. Es kann aus Neugierde geschehen, auf der Suche nach neuen Erfahrungen, oder aus Langeweile, die mit seichten negativen Emotionen überspielt wird.

Die Ausrichtung menschlichen Strebens auf positivere Emotionen bedeutet nicht, dass negative Emotionen „schlecht“, verurteilungswürdig wären, oder um jeden Preis gemieden werden sollten. Die Erfahrung negativer Emotionen schafft einen emotionalen Bezugsrahmen. Zusammen mit positiven Emotionen spannen sie den Bogen des Erlebens. Negative Emotionen können intensive Handlungsimpulse erzeugen und „große Energien“ freisetzen, wie es in der Alltagssprache heißt. Ein Unfall, eine schwere Krankheit oder der berüchtigte Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt, sie alle geben Anstöße zur Besinnung und Veränderung. Ein Leben, das sich der unbedingten Meidung negativer Emotionen verschreibt, wird an diesem Ziel zwangsläufig scheitern. Gefährlich werden negative Emotionen, wenn ihre Intensität oder Dauer eine prägende Wirkung erreicht oder die Beziehung zu anderen stört.

 

1.2.    Werte und Leitbilder

 

Die Bedeutung von Emotionen als Triebfeder menschlicher Aktivität begründet keineswegs ihre Herrschaft. Beste Aussichten für ein gelungenes Leben schafft nicht das emotional diktierte, sondern das emotional kompetente Handeln. Woher kommt diese Kompetenz? Der Mensch wird mit einer drängenden Lebenssehnsucht geboren, einem ständig neu entfachten Streben nach positiven Emotionen, aber ohne Gebrauchsanleitung für seine Antriebe. Epikur empfahl, das Streben nach positiven Emotionen in durchdachtes Handeln umzusetzen, ein „Kalkül der positiven Emotionen“ aufzustellen.

Um ein Leben zu führen, müssen wir Werte einer bestimmten Qualität verinnerlicht haben. Sie können das Flackern unserer Antriebe soweit stabilisieren, dass wir wichtige Kurslinien halten. Werte bilden unsere obersten Prioritäten ab. Um Werte praktisch zu leben, benötigen wir eine Übersetzung in Handlungskonzepte, wir nennen sie Leitbildern und Techniken.

Das tradierte Angebot an Wertvorstellungen und Leitbildern ist überwältigend. Durch Erziehung haben wir Einiges verinnerlicht, durch Bildung Vieles kennengelernt. Wo zugreifen auf diesem bunten Flohmarkt? Fünf Jh. v. Chr. lehrte Sokrates eine Lebenskunst des Fragens. Er wollte seine Gesprächspartner dazu bringen, ihre Werte genauer zu prüfen und sich um das eigene Selbst zu sorgen. Für die Suche nach dem Guten und den Tugenden verwies er auf den bereits zitierten Aphorismus „Erkenne dich selbst“. Sokrates praktizierte allem Anschein nach eine hochentwickelte Lebenskunst, gab jedoch wenig konkrete Leitbilder preis.

Über die Jahrtausende entwickelten alle Zivilisationen Vorstellungen zum guten, das heißt empfehlenswerten Leben. Das gute Leben war immer auch ein glückliches oder zumindest Glück versprechendes Leben. Wenn sich das Glück nicht zu Lebzeiten einstellte, so durfte man zumindest auf eine Erlösung durch oder nach dem Tod hoffen. Matthäus (20,16) versprach "So werden die Letzten die Ersten sein ..."

Leitbilder begegnen uns in Traditionen, Religionen, Philosophien bis hin zu allgegenwärtigen Weisheitssprüchen im Kalender. Die folgenden Zeilen, nur ein Beispiel für unzählige überlieferte Appelle, stammen vermutlich aus Überlieferungen der Navajo:

 

Gehe aufrecht wie die Bäume,

lebe dein Leben stark wie die Berge,

sei sanft wie der Frühlingswind,

bewahre die Wärme der Sonne im Herzen

und der Große Geist wird immer mit dir sein.

 

Wenn alte Quellen ihre Leitbilder überhaupt begründen, dann verweisen sie auf Nützlichkeit, Tradition, natürliche Ordnung oder spirituelle Mächte. Tragen diese Argumente auch heute? Oft liegt der Nutzen für die Gemeinschaft auf der Hand, während sich der persönliche Nutzen nicht ohne weiteres erschließt. Tradition kann eine gewisse Bewährung nachweisen, sie begründet aber noch keine Notwendigkeit. Die natürliche Ordnung, einzelne Aspekte der Evolution oder des instinktiven Verhaltens bieten interessantes Anschauungsmaterial, aber kein überzeugendes, geschweige denn zwingendes Modell für die Lebensgestaltung bewusster Wesen. Und Gott? Gebiete jenseits menschlicher Erkenntnis und Macht wurden zu allen Zeiten einem göttlichen oder kosmischen Willen zugeschrieben. Diese Instanz lege das Gute fest, ihren Willen gelte es zu erkennen. Sie offenbart sich je nach Glaubensrichtung durch göttliche Dokumente und Gesandte oder durch individuelle Meditation. Mit der Aufklärung schwand aber die Sicherheit des Glaubens für viele Menschen. „Gottesbeweise“ erwiesen sich als unhaltbar, von der kosmologischen Variante nach Aristoteles, der in Gott den notwendigen Ausgangspunkt aller Wirkung sah, bis zur moralischen Argumentation nach Kant, der in ihm zumindest noch den Ursprung sittlichen Handelns ortete.

Weiterhin stellt sich die Frage nach einer konkreten und zeitgemäßen Interpretation. Überlieferungen sind zum Teil sehr allgemein gehalten, dann wieder allegorisch verdichtet oder auf einen historischen Kontext gemünzt. Wann gehe ich so aufrecht wie ein Baum, was bedeutet es, meinen Nächsten zu lieben? Wie stehe ich von allem Bösen ab, vermehre das Gute und läutere den eigenen Geist, wie es Siddartha Gautama 5 Jh. v. Chr. lehrte? Hinzu kommt, dass zentrale religiöse Quellen wie Bibel und Koran widersprüchliche Deutungen zulassen. Wer hat die Deutungshoheit?

In Anbetracht der schwierigen Begründung und Auslegung ist man versucht, solche Leitbilder im staubigen Archiv der Kulturgeschichte zu belassen. Was jedoch überrascht, sind Parallelen quer über Kulturen, Kontinente und Epochen, denken wir nur an das Gebot der Nächstenliebe, an die Goldene Regel („Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu!“) oder das Prinzip des mittleren Weges („Nichts im Übermaß“). Die Gemeinsamkeiten deuten auf einen universellen Kern, der mit sehr elementaren menschlichen Anlagen zusammenhängen könnte.

Die Wertphilosophie hat sich lange Zeit abgemüht, Empfehlungen für die Lebensgestaltung anzubieten und diese mit dem Etikett des „Guten“ zu versehen. Die intuitive Auswahl von Prinzipien bereitete dabei weniger Schwierigkeiten als ihre rationale Begründung. Im Zuge der Trennung von Wissen und Glauben gelang es nicht, ein rationales Fundament für Leitbilder zu entwickeln. Wertrelativismus kam in Mode, Nietzsche versuchte sich an der „Umwertung aller Werte“. Die Philosophie verlor weitgehend ihr Interesse an einem Gegenstand, der sich bei Annäherung in Beliebigkeit auflöste.

Ein weiterer Punkt gibt Rätsel auf. Warum üben „gute“ Werte und Prinzipien einen sehr begrenzten und wechselhaften Einfluss auf das Handeln aus? Woher kommen andere Beweggründe, was bestimmt die Prioritäten? In spirituellen Deutungen wurde die menschliche Psyche zum Schauplatz von Gefechten zwischen Göttern und Dämonen erklärt. Häufig musste auch das Körperliche als Ursprung schlechter Werte herhalten, als Gegenspieler des Geistigen.

Rationale Unergründbarkeit und beschränkte Wirksamkeit des „Guten“ deuten auf eigenständige Prozesse hin, die mit dem Denken wechselwirken. Als Ergebnis entstehen und wandeln sich unsere Werte und Motive, letztlich der Antrieb unserer Aktivität. Das Denken beeinflusst zwar diesen Antrieb, kontrolliert ihn aber nicht. Der Antrieb wirkt sogar intensiv auf das Denken zurück. Aristoteles bezeichnete das menschliche Wesen in seiner Nikomachischen Ethik treffend als „ein strebendes Denken oder ein überlegendes Streben“.

Der Schlüssel zum Verständnis liegt in der Verknüpfung von Beweggründen mit Emotionen. So wird schnell klar, dass Intuition einen besseren Zugang in die Werte-Welt findet als eine philosophierende Ratio, die emotionale Wesenszüge nicht abbilden will oder kann. Auf der Suche nach der Natur dieser Wechselwirkungen kommen uns jüngste Erkenntnisse der Psychologie und Gehirnforschung zu Hilfe. Sie werfen ein völlig neues Licht auf das Zusammenspiel von Denken, Emotionen, Körper und Bewusstsein. Das sich abzeichnende Menschenbild kann helfen, Wertvorstellungen und Leitbilder anthropologisch zu „erden“. Ein Wissensfundament erweitert die Möglichkeiten zur Interpretation, Begründung und Vermittlung von Werten in einer Wissensgesellschaft. Eine vergleichbare Funktion kommt dem Glauben in religiös orientierten Gesellschaften zu. Vorsicht ist bei diesem Projekt allemal geboten: unser Wissen ist trotz seines schnellen Wachstums noch sehr lückenhaft. Gewissheiten können prinzipiell immer durch neues Wissen zum Einsturz gebracht werden. Ein anthropologischer Ansatz zur Analyse von Wertvorstellungen und Leitbilder darf keinen normativen Anspruch erheben, darf keinen Sollen implizieren. Auswahl und Rang von Wertvorstellungen und Leitbildern bestimmt das reflektierende Subjekt.

Die natürliche „Begabung“ des Menschen beschränkt sich darauf, nach eigenen (Individuum, Familie, Gruppe), konkreten (insbesondere Selbsterhaltung, Macht, Sex) und kurzfristigen Interessen zu handeln. Grundlage für diese Motivation sind seine Instinkte.

Das Potential, auch globale (z.B. Umwelt, Klima), abstrakte (z.B. Gesundheit, Menschenwürde, Nachhaltigkeit) oder langfristige (Jahrzehnte, künftige Generationen) Interessen zu berücksichtigen, ist zwar vorhanden. Es bedarf aber einer immensen Kultivierungsarbeit an jeder neuen Generation, um dieses Potential zu realisieren. Jeder Einzelne muss verstehen, welche weiterreichenden Folgen sein Handeln oder Unterlassen hat, für ihn selbst wie für die Welt, und muss lernen, diese Szenarien entscheidungswirksam zu verinnerlichen. Ersteres betrifft sein Denken (Wissen, Intelligenz), Letzteres seine Motivation und deren Koordination mit dem Denken. Die effektivste Kultivierungsarbeit können Eltern und Lehrer an jungen Menschen leisten.

 

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